fühlen sie sich bitte frei, ihre gedanken zu dieser rezension ins gästebuch zu setzen, zu den anderen.


völlig unterirdisch

sonja weichands „sehnsucht“

dieses stück muss man gesehen haben. wer es nicht gesehen hat, kann über theater nicht mehr ernsthaft mitreden. worte können dieses stück nicht beschreiben. man lernt etwas aus diesem stück, das man nie vergessen wird oder doch zumindest nie vergessen sollte.

nicht, dass das stück gut wäre, das ist es nicht, im gegenteil. es ist das schrecklich öde. nicht bald wird man etwas so stupides wieder sehen. hoffentlich.

bereits mit dem programmheft fängt es an. die autorin und regisseurin lässt sich dort, relativ mutig, etwa wie folgt charakterisieren: „sonja weichand, die autorin, wurde 1984 geboren, aber anders als andere grosse schriftsteller, lebt sie noch.“ kommasetzung im original. und man merkt ihr an, dass die (korrekte) erwähnung ihres tatsächlichen noch-lebens ihr ebenso wichtig ist wie die (grössenwahnsinnige) einreihung ihrer person unter die „grossen schriftsteller“. denn: „vorschläge ihrer freunde, durch vorzeitigen freitod ihr werk unsterblich werden zu lassen, lehnte sie bislang kategorisch ab“. spätestens, wenn einem „freunde“ zum suizid raten, würden die meisten misstrauisch; sie aber „lehnte ab“, da ihre „kreativität noch lange nicht erschöpft sei“. wohlhin! wir werden es sehen.

„nach grossartigen romanen, welche von den feulletonisten dieser welt in den himmel gelobt worden wären, hätten sie sie gelesen, wagt sich sonja weichand nun mutig an das genre des dramas und beweist ein weiteres mal ihr schriftstellerisches talent von hochstilistischem format, das ihr schon manchen vergleich mit den bronte-schwestern einbrachte“, und spätestens, wenn einen freunde mit den brontes vergleichen, sollte der spass ohnehin aufhören. hier fängt er erst an.

um es kurz zu machen: das publikum, 50 mutmassliche verwandte und leicht unterbelichtete studierende, wie das bei den peinlichen veranstaltungen des uni-theaters üblich geworden ist, jubelte am schluss vor begeisterung. worüber, das bleibt ihr geheimnis: über das über alle massen gute gelingen ihrer sprösslinge oder freunde, die schon im ersten semester soviel gedankenlosen blech aus sich herausquetschen, wie normalerweise erst ein examenskandidat; oder über das, was sie für eine mindestens annehmbare leistung hielten. gäbe es noch geschmack, ein wütendes publikum hätte den raum zerlegt. aber diese leute dulden alles, da sie sich gegenseitig dulden.

das stück geht so: am anfang verliebt sich die weibliche hauptfigur, eine ziemlich seltsame person, in die männliche hauptfigur. letzterer überlegt sich, dass er doch lieber nichts festes mit ihr haben will. darüber ist die weibliche hauptfigur traurig. voila, drei akte.

der text ist entsprechend dürr um die dürre handlung herumgeschlungen: fasen unglaublich gespreizten stils wechseln mit plumpen, aber ebenfalls keineswegs realistischen frasen; ab und zu sorgt ein dürftiger witz über das stück selbst für heiterkeit im publikum. einfach ist es nicht, dem text zu folgen; auch wenn die leute nicht so nuscheln würden und die akustik besser wäre, sträubt sich etwas in jedem halbwegs vernünftigen menschen, sich so etwas ernsthaft anzuhören. viel mehr als der text ist allerdings nicht geboten.

denn keine inszenierung lenkt, jedenfalls nicht freiwillig, vom text ab. lediglich die unfreiwillige komik des völligen versagens plädiert gegenüber dem schwachsinn der handlung auf mildernde umstände. wäre man nicht sicher, dass es sich um unfähigkeit handelt, müsste man allerdings bewundernd auf die knie sinken: es gibt da sachen, die hat sich noch keiner getraut.

die hauptfigur ist zb traurig. sie steht mit einem brief auf der bühne. unfähig, ihre trauer auszudrücken, greift die dramaturgie zu einem verblüffenden mittel: aus dem off erklingt die hälfte eines traurigen lieblingsliedes der regisseurin, welches diese für sehr passend zu halten scheint; dieses erklingt, während, und das ist die eigentliche unverschämtheit, die darstellerin auf der bühne leise weint. das ganze dauert mehrere minuten. nie ist der völlige verzicht auf dramaturgie, ja auf jeden eigenen versuch des ausdrucks brutaler inszeniert worden: durch einfaches ausleihen von ausdrucksmitteln, die gebrauchsfertig der markt liefert. die sprachlosigkeit der regisseurin lässt hier auch den kritiker nahezu sprachlos. warum sind wir auf so etwas nie gekommen?

die weibliche hauptfigur fährt im zug zur männlichen hauptfigur in ein land, das kitschigerweise libertarien heisst: man sieht die männliche hauptfigur da stehen, man sieht ein zugfenster aus pappe, hinter dem die weibliche hauptfigur sitzt. beide denken laut: ihre wechselseitigen gedankengänge sind so uninteressant wie exakt synchron. sie steigt aus, sie gehen zum strand. später fährt sie wieder heim. eine reise von beeindruckender nichtigkeit. 3 fehler fallen uns auf: 1. man sieht nur ein zugfenster aus pappe, keinen ganzen waggon. der hätte den vorteil, sperriger zu sein. überflüssig bleibt das alles trotzdem. 2. es fehlt ein schaffner im zug, der eine leberkässemmel isst. 3. man sieht die rückfahrt nicht. man sei versichert, wir hätten alles drei anders gemacht.

das stück ist dabei durchaus in der lage, zu berühren. peinlich zu berühren allerdings. vielleicht war das die intention? es scheint nicht so. die regisseurin sieht zu gesund und zu zufrieden aus, um dieses stück als einen angriff auf das publikum konzipiert zu haben. die reaktion des publikums gibt ihr recht. sie kann zufrieden sein.

die einzigen störenden lacher waren wir. nichts trübte die salbungsvolle stille des völlig überkandidelten schwachsinns ausser unsere gelegentlich von atemnot unterbrochenen lachanfälle. die melancholische hauptfigur lebt nicht etwa in einem haus, wie alle anderen, sondern im „tal der dämmerung“. das liegt unter der erde und ist durch einen brunnen (!) zugänglich. sie ist ausserdem eine seele, die frei herumläuft, jedenfalls zuweilen. es läuft noch eine andere seele in dem stück herum, die auch irgendwie zu ihr gehören scheint, und freundinnen mit nun wirklich durchgeschossenen namen: die freundin, „die an alles und nichts glaubt“; die, „die im licht steht“; die, „die zweifelt“, und so nennen sie sich auch, wenn sie sich vorstellen, und man glaubt es kaum, es ist auch eine frau dabei, die sich als „die erfahrung“ der hauptfigur vorstellt (und süffisant anfügt, sie würde ja mit jedem fehler jener grösser; man hätte wohl, den autobiografischen hintergund als sicher unterstellt, eine besonders kleine frau dafür suchen sollen; während wir im publikum nach luft schnappen: gütiger und gerechter, eine allegorie! so bunt haben wirs nie getrieben.)

und so entspinnen sich die groteskesten dialoge: „und wer bist du? - ich bin die freundin, die im licht steht“; und man greift sich an den kopf; und früher oder später kommt die stelle, wo es dich vom stuhl haut, weil eine figur nicht nur „der herrscher der dunkelheit“ heisst, sondern auch sätze sagen kann wie: „ich bin nicht der teufel. ich bin der herrscher der dunkelheit“. und so geht es weiter, in sinnverwirrender rede. etwas mondsüchtig das ganze, möchte man meinen, aber eher naiv.

zu keinem zeitpunkt besteht anlass, sich über den geisteszustand der frau gedanken zu machen. sie ist weder besonders begabt noch besonders am rande, im gegenteil, ihre geschichte ist bis zum überdruss gewöhnlich, und jeder mensch hätte so etwas schreiben können. der einzige punkt ist, dass es niemand sonst getan hat. das heisst nicht, dass die meisten leute nicht genauso verrannt sind in der wahnidee, sie seien besonders ungewöhnlich oder interessant, während sie doch so sind wie alle anderen. nur schreiben die meisten keine „dramen“, weil sie sich das zum glück nicht trauen. diese hier ist von narzissmus so verblendet, dass sie ihre traurige kleine (und über die massen öde und banale) geschichte allen erzählen will. schlimmer sind die, die sich das anschauen: denen ist nicht mehr zu helfen. die ertragen alles. und die studierendenvertretung, die das alles fördert, weil sie kultur machen und wiedergewählt werden will. was für ein elend.

aufführungen: 9./10./11./12. mai, jeweils 20.30 uhr im mehrzwecksaal der hubland-mensa